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Hermann Gezzele
Alles Gute zum 85. Geburtstag Her Ehrenobmann Hermann Gezzele!

Der Gründer der Reuttener Kaufmannschaft erzählt ...

Erleben Sie Herrn Gezzele im Interview im KaufmannschaftsTV »


Der Reuttener:
Zuerst einmal herzlichen Glückwunsch zu Ihrem 85. Geburtstag, den Sie am 15. März gefeiert haben, und großen Dank, dass Sie sich die Zeit zu diesem Interview nehmen. Sie sind kein Reuttener, warum sind Sie hierher gekommen?

Hermann Gezzele:
Eigentlich bin ich durch Zufall in Reutte hängen geblieben. Ich war in Innsbruck Optiker und hab damals sehr schlecht verdient. Ich wollte mich verändern. Durch eine Bekannte, eine Jungendfreundin meiner Frau, haben wir ein Angebot bekommen,  im Bregenzer Wald ein Hotel zu übernehmen. Aber als Pächter bin ich nicht in Frage gekommen und ich hatte auch nicht die Schneid dazu. Ein Jahr später bekamen wir das Angebot noch einmal, und ich war so verdrossen, dass wir dieses angenommen haben und so wurde ich Geschäftsführer von einem Hotel mit 65 Betten. Von Anfang an hab ich diese Tätigkeit auf fünf Jahre befristet. Nach drei Jahren hat es dann einen Zwischen-fall gegeben. Das Haus war nur während der Sommer-saison geöffnet. Ich wollte nicht den ganzen Winter über Gehalt beziehen und nichts tun – ich wollte arbeiten. Einen Winter lang konnte ich in einem anderen Haus in Lech arbeiten und zwei Winter in Innsbruck. Dort habe ich in einem großen Textilgeschäft gearbeitet, mit über zwanzig Einzelhandelsgeschäften in Österreich. Ich hatte die Zusage, die Filiale zu übernehmen, wenn der Filialleiter in Pension gehen würde. Einem Manager bin ich damals auf die Schliche gekommen, dass er mit dem Filialleiter in Innsbruck krum-me Touren gedreht hat. Allerdings hab ich den Kürzeren gezogen, denn der Manager war vor dem Chef leider der Stärkere und Größere und ich bin „gegangen“ worden, das war im Februar 1960. Am Palmsonntag habe ich dann mit meiner Frau einen Aus-flug nach Reutte gemacht und einen Jugendfreund besucht, der bei der Bezirks-hauptmannschaft gearbeitet hat. Wir hatten uns lange nicht mehr gesehen und ich hab ihm so beiläufig erzählt, dass ich beruflich „in der Luft hänge“. Er gab mir den guten Rat, mich in Reutte selbst-ständig zu machen, der Bedarf war da. Meine Frau, spontan wie sie war, schickte uns gleich auf Wohnungs- und Geschäftslokalsuche, und zwanzig Minuten später hatte ich das Geschäft gemietet. Knapp drei Wochen danach, am 3. Mai 1960, haben wir eröffnet.

Der Reuttener:
Wann hatten Sie die Idee, die Reuttener Kaufmannschaft zu gründen?

Hermann Gezzele:
Zwider war ich und grantig, ich weiß nicht einmal mehr warum. Jedenfalls hab ich zu meiner Frau gesagt, dass ich eine Runde im Markt drehen muss. Da ist mir der Kurz Karlheinz über den Weg gelaufen. Ich hab zu ihm gesagt, unsere Altvordern sind alle jeden Tag zum Stammtisch gegangen, dort wurden die guten Geschäfte gemacht, es wurden dort nicht nur Häuser, sondern ganze Straßenzüge verhandelt – untereinander. Wir könnten doch auch einen Stammtisch gründen. Alle haben Stammtische, nur die Unternehmer von Reutte nicht. Wir haben keine Lobby hinter uns, wir haben nichts. Machen wir doch einen Stammtisch. Karlheinz fand, dass die Idee gar nicht schlecht wäre. Es war schon klar, dass wir uns nicht jeden Tag treffen konnten, aber wenigstens einmal in der Woche sollte es doch möglich sein. Das dürfte im Jahr 1978 gewesen sein. Wir sind für den Stammtisch werben gegangen, und zum ersten Treffen waren wir über zwanzig, ja fast dreißig  Leute. Man kam einmal wöchentlich zusammen, und zwar vormittags um neun. „Angstiefelt“ hatte ich es und so kam auch die Frage an mich, ob wir uns nicht lieber am Abend treffen könnten. Ich hab gesehen, dass viele von uns an den Abenden schon feste Termine hatten, und ich wollte mich nicht mit den Frauen anlegen, die ihre Männer noch einen Abend weniger zu Hause gesehen hätten. Es hat jeder, wenn er will, am Vormittag mal eine Stunde oder zwei Zeit. So sind wir beim Treffen am Vormittag geblieben. Wobei mir von Anfang an wichtig war, dass an unserem Stammtisch nicht politisiert wurde. Politik, hab ich gesagt, muss draußen bleiben, wir sind Wirtschaftstreibende. Die Treffen sind so dahingeplätschert. Mir war klar, dass wir irgendetwas tun mussten, so ging es nicht weiter. Es war die Zeit, wo die ersten Filialisten nach Reutte gekommen sind. Wir hatten Angst, dass sie uns kaputt machen wollten. Einmal saßen wir zu neunt bei uns zu Hause beisammen. Wir haben ein Glas Wein getrunken und eine kleine Brotzeit gemacht. Ich hab die Runde gefragt, ob wir nicht einen Verein oder eine Gemeinschaft gründen könnten, denn alleine geht es nicht. Und sogleich haben wir nach einem passenden Namen gesucht. Der wurde auch schnell gefunden und für alle klar: die Kaufmannschaft von Reutte.
Unser Entschluss stand fest, wir müssen einen Verein gründen, das war im November 1979.
Aber dazu brauchte es einen Obmann. Worauf Helmut Lagg zu mir sagte, du hast es angestiefelt, du bist auch der Obmann, da fährt der Zug drüber. So war ich der nicht gewählte, aber bestimmte erste Obmann. Wir haben mit dem Werben angefangen und auch die Anmeldung bei der Polizei gemacht. Im Jahr später – im April – haben wir alle Firmen angeschrieben und zur ersten offiziellen Versammlung eingeladen.

Der Reuttener:
Wie viele Leute waren bei der Generalversammlung anwesend?

Hermann Gezzele:
Wir waren 45 Geschäftsinhaber. Nun, ich war im Leben nie in Vereinen, nur bei der Bergwacht, als ich noch jung war. Ich hatte mir meine Rede fein säuberlich auf ein Papier geschrieben. Bei der dritten Zeile bin ich rausgekommen. Ich hab den Zettel einfach umgedreht und frei über unsere Idee der Reuttener Kaufmannschaft gesprochen. Im Vorfeld hatten wir uns natürlich schon Gedanken gemacht und beraten, zum Beispiel wegen der Mitgliedsbeiträge. Aber alle unsere Vorschläge wurden einstimmig angenommen. 

Der Reuttener:
Was war Ihnen bei der Gründung der Reuttener Kaufmannschaft wichtig?

Hermann Gezzele:
Das Motto zu leben „nicht gegeneinander, sondern miteinander“, denn nur so können wir uns behaupten. Es war zur Zeit des Konkurrenzdenkens und einige Mitglieder haben nicht gerade bestens harmoniert, es war aber schön zu erleben, dass sie sich alle an einen Tisch gesetzt haben, und ich glaube, das hat uns schlussendlich stark gemacht.

Der Reuttener:
Woher hatten Sie die Vereinsstatuten?

Hermann Gezzele:
Von den Landeckern. Die Landecker Kaufmannschaft  ist mittlerweile schon drei Mal gestorben und wieder auferstanden. Wir in Reutte sind die älteste Kaufmannschaft und existieren durchgehend seit dreißig Jahren. Mit den Statuten mussten wir damals nach Innsbruck fahren, man musste Vereine ja polizeilich melden. Ich weiß nicht mehr, was alles nicht gepasst hat, jedenfalls mussten wir noch ein zweites Mal in die Landeshauptstadt fahren, und wieder wurden uns Steine in den Weg gelegt. Große Hilfe bekamen wir von Helmut Lagg von der Wirtschaftskammer, und das ist bis heute so geblieben. Trotz-dem kam unsere Anmeldung wieder retour. Bei der ersten Fahrt nach Innsbruck war Bürgermeister Siegfried Singer dabei, das zweite Mal war Arthur Zangerl sen. dabei, und wie die Papiere wieder zurückgekommen sind, bin ich zornig geworden. Da bin ich allein nach Innsbruck gefahren und hab einen Wirbel gemacht und so richtig auf den Tisch geschlagen, denn ich wollte endlich wissen, warum es bei den anderen geht? Und siehe da, es hat auf einmal geklappt.
Natürlich sind dann auch die Filialisten gekommen und haben um Aufnahme bei der Reuttener Kaufmannschaft angefragt. Ich weiß nicht mehr, wer damals im Untermarkt Filialleiter war, jedenfalls hat mir dieser mit einer Anzeige gedroht, weil in unseren Statuten ausdrücklich steht, dass keine Filialisten aufgenommen werden.
Der Reuttener: Wann hat die Reuttener Kaufmannschaft dann die erste Aktion durch-geführt?
Hermann Gezzele: Die erste größere Aktion haben wir mit der Weihnachtsaktion ge-setzt. Ich glaub, die erste haben wir schon 1980 oder spätestens 1981 gemacht. Noch sehr bescheiden und einfach, mit Stempel. Man kann klein anfangen, nicht groß.

Der Reuttener:
Welche Aktionen folgten dieser Weihnachtsaktion?

Hermann Gezzele:
Die zweite große Aktion war dann schon das Marktfest am ersten Samstag im August. Da war der Sorg Willi der Initiator, das Marktfest muss man wirklich auf seine Fahne heften. Im Jahr 1983 war es zum ersten Mal geplant. Leider ist es ins Wasser gefallen. Ich weiß noch genau, um 9 Uhr hatten wir Generalstabssitzung, und es hat geschüttet wie aus Kübeln. Da war guter Rat teuer. Sagt man das Fest ab und es hört auf zu regnen, sagt jeder, diese „Trotteln“, das hat doch jeder gesehen. Zieht man das Fest durch und es schüttet, dann heißt es sicher, diese „Rindviecher“, das muss man doch gesehen haben, dass es weiter regnet. Wir haben das Fest schlussendlich nicht abgesagt und es ist natürlich total ins Wasser gefallen. Dafür hatten wir im Jahr 1984 strahlend schönes Wetter. Das Marktfest lebt heute noch und die Begeisterung ist nach wie vor da, wie man jedes Jahr wieder sieht.
Den Weihnachtsmarkt hatte dann die junge Wirtschaft initiiert. Mehrere Jungunternehmer waren zum Teil auch bei uns Mitglieder in der Kaufmannschaft. Die Kaufleute, wenn ich das so sagen darf, haben damals schon ein wenig versagt. Es hat viele gegeben, die haben das erste Mal beim Weihnachtsmarkt mitgemacht.  Und vielleicht haben sie sich einen ganz anderen Umsatz erhofft. Wobei der Weihnachtsmarkt eine Werbung für Reutte sein sollte, damit auch die Gäste von weit her kommen. Beim ersten Weihnachtsmarkt, am 8. Dezember,  hat es dann geschneit – aber wirklich abnormal. Am Nachmittag bin ich zum Isserplatz gegangen, da lag der Schnee unglaublich hoch und der Platz war nicht einmal geräumt. Ein Schneeräumer von der Gemeinde war da und wusste nicht, was er tun sollte. Er sagte, die junge Wirtschaft sei da- gewesen und habe das Handtuch geschmissen. Für den Weihnachtsmarkt hatte man schon Werbung gemacht, da kann man ihn doch nicht einfach abblasen. Es war aber bereits 16 Uhr. Da hab ich ihm den Auftrag gegeben, den Platz doch noch zu räumen, und dachte mir nur, den Kopf wird es mich hoffentlich nicht kosten. Um 16.30 Uhr kam die Bewilligung für die Schneeräumung von der Bezirks-hauptmannschaft, da fiel mir schon ein gewaltiger Stein vom Herzen.
Leider haben die Mitglieder die Jahre darauf nicht mehr so recht mitgemacht, und ich glaub, ein paar Jahre gab es gar keinen Weihnachtsmarkt mehr. Später fand er dann im Obermarkt statt und hat jetzt seine Heimat vor der Hauptschule Untermarkt in der Parkanlage gefunden. Das ist ein günstiger Platz, wie ich finde.
Die Reuttener Kaufmannschaft hat dann noch zwei weitere Aktionen gesetzt. Zuerst haben wir am Osterwochenende Ostereier im Markt verteilt. Mittlerweile gehen wir am Gründonnerstag mit unseren Osterhasen nach Füssen und verteilen bunte Ostereier, am Osterfreitag und Samstag dann hier in Reutte. Die Aktion kommt immer sehr gut an und viele Freunde und Kunden der Reuttener Kaufmannschaft freuen sich über diesen netten Ostergruß.
Einige Jahre habe ich dann sehr darum gekämpft, dass wir, von der Kaufmannschaft Reutte, auch etwas Besonderes zum Muttertag vor-bereiten. Und es freut mich, denn in diesem Jahr gehen wir am Tag vor Muttertag bereits zum 17. Mal mit Rosen durch den Markt und verteilen sie an alle Frauen, auch wenn sie noch gar keine Mütter sind.
Der Reuttener:
Herr Ehrenobmann, wir bedanken uns für das interessante und ausführliche Ge-spräch und wünschen Ihnen noch viele gesunde Jahre in Ihrem Reutte.

Gabriele und Lucas überbrachten dem rüstigen 85-jährigen Hermann Gezzele einen Geschenkskorb bei einer kleinen Feier im Café Knittel, zu der die Kaufmannschaft eingeladen hatte.
Der Obmann der Reuttener Kaufmannschaft, Christian Senn (re.) bei der kleinen Feier zum 85sten Geburtstag des Ehrenobmannes mit den Gründungsmitgliedern Willi Sorg, Hermann Gezzele und Arthur Zangerl (v.li.).


 


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